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Katalogeinführung von Martin Kraft, 1998, zur Ausstellung "Zyklus: Auf das Fundament zeitgenössischer Komponisten: Wolfgang Rihm"
Wie andere Maler ihren Motiven in einer Landschaft begegnen,findet sie Snues A. Voegelin vor allem in der Musik und in der Literatur. Sein Vorgehen ist in seiner Art einmalig; es ist mit der Zeit zu immer grösserer Konsequenz herangereift. Gewiss entsteht auch Kunst, die sich an der sichtbaren Wirklichkeit orientiert, letztlich aus einer inneren Schau heraus. Doch gilt dies in noch höherem Masse für ein Schaffen, das eine solche Orientierung nicht kennt. Voegelins Motive stammen nicht aus dem visuellen Bereich. Sie sind überdies obwohl im Bildtitel genau benannt kaum mehr als blosse Anregungen für ein letztlich intuitives Schaffen. Dieses vollzieht sich in einem Zwischenbereich. Es steht zwischen Aussen- und Innenwelt, aber auch zwischen den Disziplinen, vorzugsweise dort, wo sich Wort und Musik im komponierten Text begegnen.
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Aus dem Zyklus: Auf das Fundament zeitgenössischer Komponisten: Wolfgang Rihm
1. Das Räumlichsein ..., 1998 2. Frühe Kindheitserlebnisse, 1997 3. Die Macht des Wortes, 1998
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Es findet hier eine Grenzüberschreitung statt, die sich schliesslich ausweitet in das ganze Umfeld des musikalisch-literarischen Motivs. Das führt den Künstler zu einer langwierigen, trotz ihrer persönlichen Prägung wissenschaftlich anmutenden Recherche. Das unmittelbare Ziel ist freilich nicht das Bild selber, sondern jene Stimmung, aus der heraus es entstehen kann. Dies geschieht dann, oft sehr schnell, in einer dem Action Painting nahestehenden intuitiven Gestik des erfüllten Augenblicks. Es ist mehr als nur ein bezeichnendes Detail, dass der Künstler während des Malprozesses nie Musik hört. Mit seiner Arbeitsweise hängt schliesslich auch Voegelins Verhältnis zur Druckgrafik zusammen: Das Medium interessiert ihn nicht als blosse Reproduktionstechnik. Deshalb druckt er nur Monotypien oder andere Unikate.
Eine Art Mittlerfunktion zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Schaffensphasen, der literarisch-musikalischen Auseinandersetzung und deren optischer Umsetzung, kommt der immer wiederkehrenden Strukturierung der Bildfläche durch eine Noten- oder Textschrift zu. Diese ist nicht im Sinne einer Kalligrafie aufgefasst, obwohl zeichenhaft-gegenständliche Elemente wie das Kreuz immer wieder auftauchen können. Es handelt sich vielmehr um einen Grundduktus, der die noch bedeutungsbeladene Typografie teils schon durch die spiegelbildliche Umkehrung verändert und in freier Gestik schliesslich von oft bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. In diesem Ineinander von Schrift und Geste, von musikwissenschaftlichem Fundament und freiem Schaffen, von Eigenem und Fremdem äussert sich natürlich auch die Dialektik von Ordnung und Freiheit. Mit einem musikalischen oder literarischen Motiv tritt immer auch dessen ganzes Umfeld in Erscheinung. Das können Freunde und Bekannte sein, die auf ein solches Motiv hinweisen. Und der Künstler nimmt solche Anregungen von aussen, wenn sie in ihm etwas in Bewegung setzen, gelegentlich dankbar auf. Nie aber würde er im Auftrag malen.
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Wolfgang Rihm am Symposion "Musik-Theater heute" der Paul Sacher-Stiftung, 2001, Basel
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Das hebt nicht zuletzt den Maler klar vom Entwerfer von Bühnenbildern ab. Gewiss sind mit der Theaterarbeit verbundene Erfahrungen ins freie Schaffen eingeflossen, ohne dieses aber wirklich zu bestimmen: Gerade die Auffassung des Bildraums als Bühne, charakteristisch für manche andere Künstler mit Theaterpraxis, ist Voegelin fremd. Wesentlich sind für ihn die Begegnungen mit prägenden Künstlerpersönlichkeiten. Den Komponisten Jacques Wildberger kennt er als Nachbarn in Riehen seit seiner Kindheit. Die Auseinandersetzung mit dessen Schaffen, auf das sich seither zahlreiche Bilder beziehen, wurde später wie zur Initialzündung für sein eigenes. Dem deutschen Komponisten Wolfgang Rihm begegnete Voegelin 1996 erstmals beim Symposion "Die klassizistische Moderne in der Musik des 20. Jahrhunderts" der Paul Sacher Stiftung. Er war zunächst einmal von dessen ungewöhnlicher Persönlichkeit beeindruckt. Diese schwingt nicht nur in seinen Kompositionen mit, sie äussert sich auch in zahlreichen Schriften und Gesprächen, die den Künstler zu mehreren Arbeiten angeregt haben.
In jüngster Zeit aber sind zwei von Rihms Vertonungen als Ausgangspunkt ganzer Werkreihen ins Zentrum seines Schaffens gerückt. Während es sich bei den Variationen auf das Gedicht "Hochroth" von Karoline von Günderrode um verschiedenformatige Acrylmalereien und Mischtechniken handelt, umfasst der Zyklus auf dem Fundament von Heiner Müllers Drama "Die Hamletmaschine" 88 Kohlezeichnungen im einheitlichen Format und ein grösseres Bild, gewissermassen als Quintessenz des Ganzen. Was die beiden sonst so verschiedenen Texte miteinander verbindet, ist eine konzentrierte Dichte: Das Drama umfasst nur wenige Druckseiten, ausserdem beziehen sich die Zeichnungen jeweils auf einen der fünf Akte, nach denen sie in Gruppen zusammengefasst sind. Beide Texte beziehungsweise Autoren lassen unmittelbar nachempfinden, wie stark sie auf den Komponisten und dann auf den Künstler gewirkt haben müssen. Karoline von Günderrode, in deren Gedicht "Hochroth" ihr ganzes Schicksal kondensiert scheint, ist der Inbegriff der exaltierten romantischen Schwärmerin; aus unerfüllter Liebe brachte sie sich mit 26 Jahren um und wurde darauf von ihrer Freundin Bettina Brentano in ihrem Erinnerungsbuch verklärt. "Die Hamletmaschine" von Heiner Müller forderte eine Komposition förmlich heraus. In rätselhaft-surrealen Szenen verschlüsselt das Stück damals aktuelle Erfahrungen mit der Politik in der DDR. Solche und andere Erfahrungen löst Snues A. Voegelin ganz in freier Malerei auf und lässt sie darin doch weiter mitschwingen. Deshalb können seine Bilder so beglückend wirken, ohne damit an Verbindlichkeit einzubüssen.
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